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Eine Geschichte aus dem Ersten WeltkriegBearbeiten

Ich sitze hier auf einem großen Stein über dem Pejo-Tal. Ich muss mich aus
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Blick auf den Presena Gletscher

ruhen. Ab dreitausend Meter wird die Luft dünn. Man spürt jeden Schritt. Mein Blick geht hinüber zur Presanella und zur Brenta. Kleine weiße Wolken liegen über den Gipfeln. Es ist bereits 11 Uhr und die Sonne des Spätsommers steht hoch. Sie taucht die Landschaft in ein helles Licht.

Ich bin heute um 7 Uhr von unten aufgestiegen. Von der Kirche von Peio weg, am Soldatenfriedhof vorbei hinauf in einen lichten Föhrenwald. Immer weiter nach oben. Schritt für Schritt. Am Anfang war es wie immer schwer. Bis man den richtigen Tritt heraus hat und mit dem Atmen nachkommt, tut es weh. Weiter oben dort wo die Weiden beginnen hinter dem steilen Anstieg durch den Wald, ging es dann immer leichter und hinüber auf den Weg zum Dente del Vioz war es dann leicht. Der Blick führt immer weiter hinaus aus dem Tal hinüber nach Süden und Osten. Vor mir der Monte Vioz mit seinen 3600 Metern. Ein mächtiger Berg. Der Weg wird breiter und auch flacher. Weit und breit kein Mensch nur die Berge. Unten im Wald hinter einem Wasserbehälter zur Versorgung von Pejo lief ein Rudel Hirsche über den Weg, ganz dicht an mir vorbei. Ich bin etwas erschrocken. Ansonsten habe ich niemand begegnet. Nach vier Stunden langsamen Aufstieg musste ich mich jetzt etwas ausruhen. Der große Stein, der oben wie in Stuhl aussah lud zur Rast ein.

Wahrscheinlich sitze ich schon zehn Minuten. Der Blick schweift vom Tal nach oben, den Weg hoch hinauf zum Voiz. Die viel Gedanken bewegen mich. Ein Einfall folgt dem anderen. Eine Erinnerung wird von einer anderen abgelöst.

Der unbekannte SoldatBearbeiten

Was sehe ich. Hundert Meter über mir eine Gestalt. Er trägt eine Uniform.
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Frontkämpfer im weißen Krieg an der Tonale Front

Grau nicht so wie die der Finanzpolizei, oder die der Förster die man hier begegnen kann. Die Italiener haben grüne Uniformen. Die Kleidung ist so grau wie meine Wanderhose die ich so gerne trage. Eine österreichische Uniform - mit Wickelgamaschen.

Er ruft: „Komm“. „ Komm geh jetzt weiter.“ „Ich muss rauf“. Es ist der Dialekt den meine Großmutter und meine Eltern gesprochen haben. Ich versuche ihm zu folgen, aber irgendwie kann ich ihn nicht erreichen. 

„ Lauf weiter ich muss rauf“. „ Wenn ich bis zwölf nicht droben bin, muss ich in den ersten Schützengraben. Der Korporal ist sehr streng.“

„Wenn du nicht rechtzeitig da bist bekommst du immer eine Strafe“.

„ Am schlimmsten ist es wenn es nichts zum Essen gibt“. „ Lauf jetzt schneller – wir brauchen bestimmt noch eine Stunde“.

Ich will folgen aber ich bekomme kaum Luft zum atmen. Ich bleibe stehen, eigentlich habe ich mir angewohnt in dieser Höhe nur hundert Schritte zu laufen und dann stehen zu bleiben und zu verschnaufen. Ich strenge mich an. Irgendwie komme ich näher. Ich kann ihn nun genau erkennen. Er ist klein. Mit seiner Mütze wirkt er größer. Die grauen Gamaschen sind sehr schlampig gewickelt. Die graue Hose hängt über seine Wickelgamaschen. Am Gürtel hängen zwei Handgranaten und ein Bajonett.

Ich frage: „Wo kommst Du her“, „von Trossau“ „wie von Trossau“.

Ich spreche wie selbstverständliche die Sprache meiner Großmutter und meiner Eltern. „Nein ich bin von Ossana hoch gelaufen – dort habe ich den Krausen Herman besucht.“ „ Er ist in der Schreibstube in Ossana“. „ Der muss nie rauf kraxeln“.

„ Es stimmt nicht ganz – letzte Wochen mussten sie auf den Matteo hoch“. „Da sind die Italiener von der Bozzi Alm hoch gekommen. – Es waren zwei Kompanien mit fünfhundert Soldaten.“

„ Es hat ganz nett gekracht – die Artillerie hat unaufhörlich von unten geschossen.“

„ Wenn sie nicht von unten geholfen hätten wären sie wohl durchgebrochen.“

„ Dann hätte sie niemand mehr aufgehalten.“
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Truppenführer an der Tonalefront

Oben rief ein Kamerad. „Franz beeile dich, komm endlich.“ Eine kurze Stille, dann wieder „Dein Zug wird nach oben verlegt."

Der Unterjäger braucht jeden Mann“.

Eine weitere Stimme. „ Zwei Maschinengewehre sollt Ihr mitnehmen“.

Der Andere „Wir waren gerade auf dem kleinen Sattel, von dem wir hinüber auf die Scharte sehen konnte“. „ Die Italiener kommen wahrscheinlich rauf“.

Ein Zug mit zwanzig Soldaten kam von oben die Scharte herunter. Man konnte sie deutlich erkennen. Wie kleine Ameisen an einem Band. Serpentine um Serpentine nach unten. Die Seite des Hangs war nicht gefährlich, man lag außerhalb der Reichweite der Mörser.

Die kleinen Wolken warfen erste Schatten auf das Geröllfeld unterhalb der Gletscherzunge. Auch drüben auf dem Pfad zur Stellung auf dem Matteo waren rege Marschbewegungen zu sehen. Es muss wohl eine 

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Stellung auf dem Vioz

Kompanie von Kaiserjägern aus Landeck sein. Die Stellung dort oben hielten die Landecker Kaiserjäger. „Die sind Hunde“. „ Die Kompagnie aus Trient ist schon unten.“

Er meinte wahrscheinlich die Ablösung aus Trient, die letzte Woche zur Verstärkung eingetroffen war.

Die böhmischen SoldatenBearbeiten

Der Kern der Jäger und Schützen hier oben kam aus der Umgebung. Es waren Kaiserjäger aus Landeck, Innsbruck und Hall und Standschützen aus Imst. Seit dem letzten Jahr war auch ein Marsch Bataillon aus Böhmen an die Tiroler Front verlegt worden.

Sie sollten Ersatz für das in das Val di Mochine verlegte Landesschützenregiment II aus Trient bringen. Außerdem kamen letzte Woche noch eine Batterie des Gebirgsartillerie Regiments 8 aus Prag nach Pejo.

„Unten im Tal soll der Erzherzog Karl bei der Parade da gewesen sein “.

Der Herzog verschwand schnell als er hörte, dass die Italiener versuchen über den Schmuggler Pass durch zu brechen. Es war das 6. Bataillon der Alpini aus Bormio. Karl der I der Kommandant der italienischen Front hat bei der Parade in Fusione auch die neuen Gebirgskanonen M1915 übergeben.

Auch unser Franz war dabei als der Herzog die Front abschritt. Den 3. Zug hat´s erwischt. Auch der Richard ein Kamerad aus Donawitz musste mit runter.
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Besuch des Erzherzogs von Österreich

 Franz war noch nicht so lange beim Militär.

Am 1. März 1915 wurde er zum Ausbildungsregiment nach Kaaden zusammen mit Anton Füßl aus Trossau eingezogen. Es waren ungefähr 20 Burschen die eingezogen wurden. Der Anton kam in die zweite und der Franz in die dritte Kompagnie. Nach seiner Ausbildung 1915 wurde die „ Dritte“ dem Marschbataillon in Komotau überstellt. Von dort ging´s nach Pilsen und von Pilsen direkt nach Trient. In Trient begann die Gebirgsausbildung. Aber die dauerte nicht lange, dann ging´s an die Front nach Pejio ins Val di Sole. Der Schlossbauer Robert und der Jakob Anton kamen zum Bozner Landesjägerregiment in den zweiten Ersatzzug. Dort haben sie erste einmal die Stellungen auf den Bernstol ausbauen dürfen. 

Der Rippl Anton aus Gfell der schon in der Ausbildung mit ihm zusammen war ging von Kaaden nach Eger und von dort nach Galizien. Franz hat gehört, dass das Bataillon von Eger aus Lemberg direkt nach Bardifori verlegt wurde, das wäre nicht weit weg, dachte Anton.

Der Strobel Hermann ist im März unten im Forte Strino mit einer Batterie des 8. Prager Gebirgsartillerie Regiments mit den leichten Geschützen eingetroffen.
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Schützenzug

Die kleine Batterie haben sie zuerst nach Staffal und von dort auf die Presena verlegt. Die fünf Kanonen mussten von den Kanonieren den Weg über den Gletscher gezogen werden. Dazu haben sie noch zwei Kompagnien aus Cles gebraucht.

Herrmann erzählt noch ein wenig von seiner militärischen Laufbahn.

„ Man hat mich zum zweiten Landesschützenregiment nach Trient geschickt.“. Aus Eger vom KuK Landwehr Infrantrieregiment Eger wurde eine Kompanie zur Verstärkung nach Trient beordert.

„ Dort war es anders als in Komotau und Kaaden.“ Der Oberst Slovinka von Holodow hat da ein strenges Regiment geführt meinte Hermann.

„ Das war ein Tscheche, aber wir hatten ihn alle gern. Vor allem die Bergführer waren von ihm begeistert.“

„ Der ist mit uns in die Berge und hat uns auf jeden Berg gescheut.“  „Wir waren oft in den Bergen rund um Trient.“

„ Das war ganz hart wenn wir zwei  und drei Tage immer laufen mussten.“ „ Tag und Nacht ging es bergauf und dann wieder runter ins Tal.“

„Ohne Pause.“

„ Aber in Trient hat es noch was zum Essen gegeben“.

„Sogar Fleisch am Sonntag“.

Am Anfang wären noch zwei Bergführer von der Bataillonsbergführerschule dabei gewesen.

„ Die haben dir wenigstens den Weg gezeigt“.

Zum Schluss mussten Sie mit den Korporalen alleine laufen.

„ Auf dem Tonale habe er von den Führern keinen mehr gesehen. Ich hab mir

das alles selber beigebracht“.
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Schützenunterstand im Tal

Hermann ist der festen Überzeugung, dass nach einem dreiviertel Jahr schon alles Wichtige gelernt hätte.

„ Das Wichtigste kenne ich und jeden Tag lernt man dazu“. Sagte Hermann.

„Wenn wir mehr zum Essen hätten wäre es gut. Es ist nicht viel los hier oben“. Er war froh. Der Krieg würde ja irgendwann einmal vorbei sein. In der Zeitung hätten man schon lesen können, dass die Russen keine Lust mehr auf den Krieg hatten. Eigentlich hat er auch keine Lust mehr, da oben in der Einsamkeit seine Jugend zu verbringen.

„ Wollen tun wir alle nimmer.“

Ich blickte auf die Schneefelder und sofort kommen Bilder aus den Wintertagen von 1915 auf 1916.☁

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